Schritte ins Morgen (2)

Langsam drückte er sich an der rauen Wand entlang. Die Luft war feucht und roch modrig, als wäre sie seit Jahren durch niemanden aufgeschreckt worden. Aber das entsprach nicht der Wahrheit, oder? Er wünschte, er hätte den Boden genauer untersuchen können. Unter seinen Sohlen war er fest. Nicht fest genug für Stein, aber fester als Schlamm. Seine Augen hätten ihm mehr verraten, doch in der Dunkelheit musste er sich auf seine anderen Sinne verlassen. Er drehte den Kopf zur Seite, lauschte in die Richtung, in die er sich bewegte. War dort etwas? Er meinte ein Geräusch gehört zu haben. Wie das Schaben von Seide über poliertes Holz. Er war sich nicht sicher.

Wie es seine Ausbildung ihm gebot, hielt er inne. Atmete langsam ein und aus, suchte den ruhigen Pol in seinem Inneren. Er war hier, und er jagte. Und er war gut darin, besser als jeder andere. Jeder, den er kannte. Aber seine Beute kannte er nicht, oder? Was, wenn sie auch jagte? Sein Geist war ruhig, aber sein Körper verriet ihn. Er hörte sein Herz schneller schlagen. Sein Atem beschleunigte sich. Mühsam rang er mit sich, versuchte die Kontrolle zu erobern. Seine Lippen bewegten sich in der schon tausendfach geübten Bewegung eines stummen Gebetes. Seine Hand zuckte zu seiner Waffe, schloss und öffnete den kleinen Riemen an der Scheide, wie schon zehntausend Male zuvor. Ganz leise knarzte das Leder dabei, kaum lauter als Schnee fiel.

Ein Sirren, ein Zischen, und seine Schulter wurde zurückgestoßen. Schmerz explodierte in ihr, gebracht von dem Schaft, der sein Fleisch aufspießte. Er ließ sich auf ein Knie nieder. Jetzt, ausgerechnet jetzt, machte sich eine dumpfe Müdigkeit in ihm breit. Er war so lange schon unterwegs, war gewandert und geschlichen und gelaufen, immer weiter, immer weiter. Hatte er es denn nicht verdient, endlich wieder im Sternenlicht zu ruhen? Und war diese Erschöpfung der Grund, weshalb er mit seinen Zaubern nicht hausgehalten hatte, weshalb er halb blind weitergestolpert war? Ein Sehnen nach einem Ende. Nach Ruhe.

Also gut. Er würde das Ende willkommen heißen. Als er den Schaft in seiner Schulter abbrach, schrie er. Schrie auch die Worte des Zaubers, der die Welt um ihn herum in grelles Licht tauchte. Jetzt sah er sie, erschreckend nah schon, und so viele! Er ergriff seinen Bogen und zog einen Pfeil aus seinem Köcher. Die Federn an seinem Ende waren blutig, als er ihn auf die Sehne legte. Sein tauber Arm wollte ihm nicht gehorchen, spannte den Bogen einfach nicht. Er versuchte die Muskeln zum Gehorchen zu zwingen. Die Jäger warteten geduldig, am Rande des Lichts, während ihm der Bogen aus der Hand glitt. Dann gaben seine Beine nach und er fiel auf die Seite. Sein Licht strahlte immer noch hell, während eine bleierne Kälte seine Brust ergriff. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwer, und Dunkelheit kroch von den Rändern seines Blickfelds herauf. Ganz am Schluss sah er noch sein Sternenlicht, wie es ihn lockte. Ihm Trost spendete. Dann ging er ins Dunkel.

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