Sie erschienen, wie aus dem Nichts, vor der Tür ihres zweitliebsten Kabinetts. Dendos verneigte sich höflich und entfernte sich dann gemessenen Schrittes, während sie den Raum betrat. Hinter ihr fiel die Tür lautlos ins Schloss. Sie trat an eine geschwungene, kunstvoll gearbeitete Vitrine, und zog eine schlanke Flasche aus ihr hervor. Ihre Finger strichen über den mit Perlen besetzten Flaschenhals. Dieser Eiswein war vor über vier Jahrhunderten abgefüllt worden. Damals war ihre Regentschaft noch jung gewesen. Und so viel war seither geschehen. Die Triade war aufgetaucht. Die Hälfte ihres Volkes hatte vor den Toren der Stadt den Tod gefunden; oder den Untod, wie sie nun wusste. Eine ungewöhnliche Allianz war geschmiedet worden, und das Fey-Ro-Dahl war in den Schoß seiner rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt. Zum ersten Mal war es gelungen die harschen Eisjahre zurückzuschlagen, noch bevor sie richtig ausgebrochen waren, und das Land um sie herum heilte nun, ebenso wie die Beziehungen der Elfen zu den anderen Völkern.
Umso überraschender die Wendung, die sie gerade in der Villa Semmermoor bezeugt hatte. Der Bund, erst wenige Jahre alt, war schon wieder auseinandergebrochen. Natürlich war sie nicht allzu irritiert. Die kurzlebigen Völker schufen kurzlebige politische Strukturen. Auch Orzaels Reich hatte nur wenig länger als drei Jahrzehnte Bestand gehabt. Die Menschheit schien in kleineren Reichen besser und beständiger zu gedeihen. Trotzdem erfüllte sie eine gewisse Melancholie. Der Bund, einst geschaffen durch Arno Rohil und seinen Freund, den Averling, hatte ihr die Heimat gerettet. Dafür würde sie ewig dankbar sein. Umso bedauerlicher, dass es ihnen nicht gelungen war die Interessen seiner Parteien zu vereinen.
Natürlich hatte sie Verständnis für den Drang der Hoheneicher ihr Land zu zähmen. Schließlich huldigten sie einem Gott, der genau dies von ihnen verlangte, und durch die Zerstörung der beginnenden Eisjahre mussten nach dem Fall der Triade viele Bauernhöfe wiederaufgebaut und neues Land urbar gemacht werden. Dies hatte unweigerlich, wie schon in den Jahrtausenden zuvor, zu Konflikten mit dem Ersten Hauch geführt. An der Grenze zwischen dem Hoheneicher Herzogtum und dem Trollwald hatten sich Zentauren mit Siedlern Scharmützel geliefert, und es war dem Rat nicht gelungen zu vermitteln zwischen besorgten Bauern und einer Dryade, für die sich die Grenzen ihres Reiches ganz selbstverständlich ausdehnten, je weiter ihr Wald wuchs.
Und diese Problematik ließ noch die innerpolitischen Schwierigkeiten des westlichen Königreichs außer Acht. Während im Norden immer mehr Menschen und Halblinge aus dem großen Seeberg in die anderen Städte und aufs nun sichere Land abwanderten und damit die Ratsmitglieder vor entsprechende Herausforderungen stellten, erstarkten die magischen Familien Hjallerborgs im Süden erneut. Bald wurden durch die hjalländische Herzogin vermeintlich harmlose Wünsche hervorgebracht, die ihrer Stadt kleine Sonderrechte eingeräumt hätten. König Arno lehnte sie über die Jahre hinweg immer wieder freundlich ab, aber irgendwann musste er doch das ein oder andere Zugeständnis machen. Trila hatte das äußerst disziplinierte, aber zermürbende Tauziehen zwischen den Parteien interessiert beobachtet und bemerkt, wie immer mehr Energie des Königs auf diese Angelegenheit verwendet wurde.
Es blieb nicht aus, dass der junge Herzog von Hoheneich sich zurückgesetzt fühlte, als es Hjallerborg gestattet wurde auf eine begrenzte Menge magischer Waren eigene Zölle festzulegen. Dadurch, dass Hoheneich den Herrschersitz nie inne hatte, schwelte seit Beginn schon die Gefahr eines eskalierenden Konflikts im Rat, der sich in letzter Zeit langsam Bahn gebrochen hatte. Lalanda hatte ihr mitgeteilt, dass Alchemistengilde und Abadar-Priesterschaft sich am Herzogsthron für ein Ausscheiden Hoheneichs aus dem Bund starkgemacht hatte. Trila musste noch ergründen, warum Abadan und seine Mutter diesem Betreiben am Ende stattgegeben hatten, doch erst einmal war es wichtiger gewesen eine Lösung für die Zeit nach dem Bund zu finden. Also würden sich die Herrscher Isiraels von nun an einmal in jeder Jahreszeit zusammenfinden, um all die Dinge zu besprechen, die alle Reiche des Landes gemeinsam betraf – König Arno Rohil von Semmermoor, Herzog Abadan von Hoheneich, Neton XXIX und sie selbst, Königin Trila Schneekleid. Ob diese Übereinkunft den Frieden im Land sichern könnte war noch zu beweisen.
Sie nahm einen Schluck von dem so lang gereiften Eiswein. Köstlich, und ganz leicht bitter-süß.