Tunpips Grauen

Tunpip ließ sich erschöpft, aber zufrieden, auf die Astgabel sinken. Er hatte dem ganzen Trubel um seine Person einfach dringend entfleuchen müssen und richtete jetzt sorgsam seine Kleidung. Seine Narzissenweste war schon ganz zerknittert, und den Eichelhut musste er nach dem turbulenten Flug auch erst einmal zurechtrücken. Diese Kombination war sein ureigenstes Werk, und jeder Pixie der etwas auf sich hielt trug sie mittlerweile. Kein Wunder, dass er kaum noch Zeit für sich hatte. Dauernd wurde er umschwärmt, weil jeder den nächsten großen Modeclou als Erster erfahren wollte.

Mit einem fast nicht übertriebenem Seufzer sah er sich um. Die Lichtung, die sich unter ihm ausbreitete, war ein gutes Stück vom Blurangenbaum entfernt, der die Heimstatt beinahe aller Pixies im Dornwald war. Hier sollte er sicher sein. Außerdem war dieser abgeschiedene Flecken beinahe verwaist; nur Nenese trank unten aus einem kleinen Teich, der inmitten der hohen Gräser glitzerte. Tunpip behielt sie genau im Auge. Natürlich verstand Nenese nichts von den wichtigen Dingen eines Pixielebens, aber sie war immerhin eines der drei Einhörner im Dornwald und damit selbst ziemlich wichtig. Außerdem, vielleicht würden ein paar der Haare ihrer Mähne an einem Busch hängenbleiben. Eine daraus gewobene goldglitzernde Hose wäre nun wirklich phänomenal.

Plötzlich sah Tunpip etwas aus dem Augenwinkel und wandte seinen Blick zur Seite. Doch nichts schien dort am Rand der Lichtung zu sein. Er hätte schwören können… Zwei Gestalten sprangen auf Nenese zu. Metall blitzte im Sonnenlicht und ein grauer Staub hüllte die Luft um das Einhorn ein. Tunpip stieß einen schrillen Schrei aus und schlug sich dann die Hände vor den Mund, aber Nenese hatte die Gefahr schon bemerkt. Sie stieg auf die Hinterbeine und wehrte die erste Gestalt ab, stach mit ihrem Horn nach der Zweiten. Diese Narren! Was bezweckten sie hier? Glaubten sie, ein Einhorn besiegen zu können? Nenese kämpfte erbittert, und mit Schrecken musste Tunpip ansehen, wie plötzlich eine dritte verhüllte Gestalt erschien und der Flanke des Einhorns einen tiefen Schnitt beibrachte. Silbriges Blut spritzte und Nenese schrie, doch schon kurz darauf schloss die Wunde sich schon wieder, was Tunpip grimmig nickend beobachtete. Trotzdem wurde ihm langsam mulmig zumute. Immer heftiger bedrängten die Fremden ihren Gegner, und immer verzweifelter schien Nenese vorzustoßen und zurückzuweichen. Warum verschwand sie nicht einfach? Er war sich ganz sicher, dass sie das konnte.

Und dann zuckte er zusammen. Eine der Gestalten sprang wie ein Schatten vor dem Einhorn her. Nenese richtete sich auf ihre Hinterläufe auf und schrie ganz schrill, und dann klaffte plötzlich ein tiefer Schnitt über ihren Hals auf. Das Grauen schlich sich in Tunpips Innerstes, als er sah, wie sie zusammenbrach. Silberblut breitete sich in einer großen Lache auf dem Waldboden aus. Die Gestalten kamen zur Ruhe, und eine von ihnen fing an sich am Horn der leblosen Nenese schaffen zu machen. Leblos. Tot. Tunpip drückte sich tiefer in die Astgabel und bedeckte seine hervorquellenden Augen mit den Händen. Er zitterte und versuchte die fremde Sprache nicht zu hören, in der sich die Gestalten leise unterhielten.

Viel später wagte er sich wieder hervor. Er beinahe die ganze Zeit weinen müssen, und beim Anblick der hingeschlachteten Nenese, der ihr Horn nun fehlte, traten wieder Tränen in seine Augen. Aber er schüttelte sie ab. Er wusste genau, wo er jetzt hinmusste, wem er Bescheid geben musste. Er schwang sich vom Ast herab und flatterte. Sein Eichelhut fiel ihm vom Kopf, aber sogar das war ihm egal. Er flog nach Norden, zu seinem Ziel, und er flog so schnell wie noch nie.

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