„Ich habe sie gestern Abend ans Fußende meines Bettes gestellt, und jetzt ist sie weg! Was für ein Gasthof ist das hier, wenn sowas passieren kann? Wir sind hier immerhin im Westlichen Königreich! Ich zahle meine Steuern dafür, dass ich hier sicher reisen kann!“ Dem hageren Mann mit seinem schütteren, braunen Haar flog der Speichel von den Lippen.
Oberfaust baute sich vor ihm auf. „Ganz ruhig, Mann. Für die Geschehnisse im Gemeinschaftsraum übernehmen wir hier keine Haftung…“
Die Hintertür des Schankraums fiel hinter Dumi zu und verschluckte das Geblöke des unzufriedenen Gastes. Er fing leise an zu pfeifen, während er den Eimer mit dem Hühnerfutter von der rechten in die linke Hand wechselte. Das Mädel auf dem Mühlstein war sein Lieblingslied, seit es die Herrin Felizia vor einigen Nächten zum Besten gegeben hatte. Oder zumindest doch ein Ohrwurm, den er einfach nicht mehr loswurde. Er nickte Steep und Linzi zu, die ein kleines Stück entfernt den Übungsplatz auskehrten, und ignorierte den verdrießlich dreinblickenden Nuri, der heute die Aufgabe hatte den Abort zu säubern. Dann beschleunigte er seine Schritte und verscheuchte Biggels, der wieder einmal die Hühner in Aufregung versetzte. Der fette graue Kater fauchte und verzog sich um die Ecke, während Dumi das Futter großzügig auf dem Gebiet vorm Hühnerstall verteilte. Dabei beobachtete er die herbeistürmenden Viecher ganz genau. Die dicke rote Henne, die kaum Eier legte, fiel ihm dabei ins Auge. Er verstand immer noch nicht, warum Mahalen ihnen Namen gab. Diese hier hatte sie Feuerzahn genannt, wenn sich Dumi nicht irrte. Seiner Meinung nach war das dumm. Iroh wollte heute Hühnersuppe machen, und Feuerzahn würde die Hauptzutat werden. Vielleicht sollte Mahalen anstatt dem Tritonen das Schlachten übernehmen, dann würde sie mit dem dummen Namengeben bestimmt aufhören.
Er schüttete grad die letzten Krümel auf den Rücken des gierigen Federviehs, als sich die Tür des Gesindehauses öffnete und der Neuankömmling heraustrat. Das gehörnte Wesen mit den seltsamen Beinen und den noch seltsameren Augen blickte sich kurz um und schritt dann mit seltsam ruckartigen Schritten nach Norden aus, fort vom Gasthof und in das Gelände dahinter hinein. Wollte er die zukünftigen Felder abgehen? Dumi hatte gehört, wie der Satyr und Mahalen davon gesprochen hatten Herbstgerste anzubauen. Er war nicht sehr begeistert davon. Zum einen hatte er jahrelang auf einem Bauernhof gearbeitet und war kein Freund davon geworden, und zum anderen schmeckte Herbstgerste einfach garstig. Sie ließ sich schwer mahlen, und das Brot, das man aus dem Mehl backen konnte, war bitter und lag wie ein Stein im Magen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das Bier, das Mahalen daraus brauen wollte, soviel besser wäre.
Bevor er es sich versah, schlich er hinter dem seltsamen Satyr her. Er war ziemlich gut im Schleichen. Als junger Mann hatte er sich im Hafenviertel Hjallerborgs ein Zubrot verdient, in dem er dem ein oder anderen betrunkenen Bootsmann den Beutel aufgeschnitten hatte, und deshalb schien ihn der Gehörnte nicht zu bemerken. Schnurstracks lief der die paar hundert Schritte zum Bach, der hinten am Fuße des Hügels entsprang. Dumi duckte sich hinter einen Ginsterbusch. Der Satyr ging am grasbewachsenen Ufer in die Knie und streckte seine Hand ins Wasser. Eine ganze Zeit lang hockte er so da und tat nichts. Solange, dass es Dumi schon zu dumm wurde und er sich überlegte schnell wieder zurückzugehen.
Plötzlich sprang der Gehörnte auf, schrie „Hah!“ und rannte zurück zum Gasthof. Verblüfft kratzte Dumi sich am Haaransatz und blickte dem Neuen hinterher. Schließlich jedoch zuckte er mit den Schultern und stand auf. Er hatte heute noch viel zu tun: seine Vettern und Basen anleiten, Iroh in der Küche helfen und am Nachmittag mit Meister Oberfaust den Speerkampf üben. Hier wurde ihm nie langweilig.