Immer wieder geht die Sonne auf

Langsam näherte er sich dem Kubus. Mit fast zögerlichen Schritten, als scheue er die Begegnung. In der rechten Hand hielt er eine Rolle Pergament, gut eingerollt, mit einem Wachsklecks versiegelt. In der linken hielt er einen flachen, schwarzen Stein. Er atmete einmal tief ein, blickte über seine rechte Schulter, nahm den bestätigenden Blick der Frau wahr, ermutigend lächelnd. Er blickte zum Himmel, der gerade fast wolkenlos war. Es war ein schöner Spätsommertag in Ormanthar. Die wenigen Passanten musterten sie neugierig, aber niemand sprach sie an. Er hatte schon immer eine etwas unheimliche Aura, die Leute abstieß. Mit einem tiefen Atemzug […]

Was bisher geschah (3)

Sie erschienen, wie aus dem Nichts, vor der Tür ihres zweitliebsten Kabinetts. Dendos verneigte sich höflich und entfernte sich dann gemessenen Schrittes, während sie den Raum betrat. Hinter ihr fiel die Tür lautlos ins Schloss. Sie trat an eine geschwungene, kunstvoll gearbeitete Vitrine, und zog eine schlanke Flasche aus ihr hervor. Ihre Finger strichen über den mit Perlen besetzten Flaschenhals. Dieser Eiswein war vor über vier Jahrhunderten abgefüllt worden. Damals war ihre Regentschaft noch jung gewesen. Und so viel war seither geschehen. Die Triade war aufgetaucht. Die Hälfte ihres Volkes hatte vor den Toren der Stadt den Tod gefunden; oder […]

Was bisher geschah (2)

„Nein, nein, NEIN! Der Kolben! Der KOLBEN!“ Die zittrige Stimme schallte schrill über die Treppen aus dem obersten Teil des Turmes herab. Einen Moment lang richtete sie ihren Blick nach oben, entschied sich dann aber den Tumult zu ignorieren und zuerst ihren anderen Pflichten nachzukommen. Mit in den Ärmeln ihrer Robe verborgenen Händen schritt sie die Stufen hinab in den Teil des Gebäudes, in dem Küche und Essbereich lagen. Missbilligend bemerkte sie das dreckige Geschirr, das sich auf dem großen Tisch in der Mitte stapelte, zwischen aufgeschlagenen Folianten und den unverkennbaren Schmauchspuren missglückter Novizenzauber. Ihre Missbilligung schlug in mühsam unterdrückten […]

Was bisher geschah (1)

Frühling. Der Frühling war schuld gewesen. Gozreh sei Dank hatte es ja keine Todesopfer gegeben, aber der Schreck, der ihr damals in die Glieder gefahren war, war selbst jetzt, Monate später, immer noch spürbar. Sie hatte unten am Wasser gestanden, da, wo sie sich am wohlsten fühlte. Hatte Besorgungen für den Averling erledigt. Was war es noch gewesen? Äpfel, die mit großen Schiffen aus dem Hjalland gebracht worden waren. Rüstungen aus Leder von den Ochsen jenseits der großen Brücke. Als erstes hatte ihr lieber Fisch, ihr Bullerjahn, den Kopf aus dem Meer gestreckt und sie angesehen. Da hatte sie sofort […]

Schritte ins Morgen (3)

Frohgemut verschnürte er sein Bündel an dem knorrigen Stock und schwang sich diesen über die Schulter. Dann drehte er sich ein letztes Mal zu seinem Vater um. Er rang sich ein Lächeln ab, obwohl ihm, tief im Innern, doch etwas unwohl war. „Nun… jetzt ist es also soweit.“ Sein Vater nickte und strich sich über seinen prächtigen Kinnbart. „Und du bist dir sicher?“ „Ja, das bin ich. Ich will nicht auf ewig hier bleiben! Da draußen ist noch soviel mehr! Ich will wenigstens einmal die Städte im Westen und Süden sehen, mit den Leuten dort leben und feiern…“ Das Gesicht […]

Schritte ins Morgen (2)

Langsam drückte er sich an der rauen Wand entlang. Die Luft war feucht und roch modrig, als wäre sie seit Jahren durch niemanden aufgeschreckt worden. Aber das entsprach nicht der Wahrheit, oder? Er wünschte, er hätte den Boden genauer untersuchen können. Unter seinen Sohlen war er fest. Nicht fest genug für Stein, aber fester als Schlamm. Seine Augen hätten ihm mehr verraten, doch in der Dunkelheit musste er sich auf seine anderen Sinne verlassen. Er drehte den Kopf zur Seite, lauschte in die Richtung, in die er sich bewegte. War dort etwas? Er meinte ein Geräusch gehört zu haben. Wie […]

Ein neuer Morgen

Er schaute sich nur kurz um. Das Turmzimmer sah verstaubt aus. Die Möbel so wie Ly sie vor Jahren das letzte Mal hinterlassen hatte. Adam hatte hier nie gewohnt. Ihm fiel auf, dass er nicht wusste, wie es dem Baron von Brück ging. Ob er sein Amt im Südhandrat schmerzlich vermissen würde oder mit den neuen Handelsmöglichkeiten in Ormanthar und Hoheneich sowie seiner immer noch kinderlosen Ehe genügend zu tun hatte. Er warf den Gedanken ab und öffnete das Fenster. Sog die eiskalte Luft ein. Seeberg lag noch in einem trüben Schlummer. Auch hierhin hatte sich die Kunde übertragen, dass […]

Schritte ins Morgen (1)

Wie ein dünnes Tuch trieb sie durch den Wind. Sie regte keinen Muskel, ließ sich nur Kraft ihres Willens treiben. Und obwohl die Lüfte an ihrem Leib zerrten und Böen ihre schlaffen Brüste hoben, spürte sie doch kaum die Kälte, die sie umgab. Unter ihr glitzerten Schnee und Eis auf der gefrorenen Erde, zu fern jedoch, um sie hier zu erreichen. Im blassen Schein der Sterne konnte sie sogar eine gewisse Schönheit in diesem Anblick anerkennen. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Solche Profanitäten hatten sie noch nie interessiert, und auch die Bewohner dieses Landes hatten andere Sorgen. Sie hatte […]

Abschied von Norgaten

„Das ging erstaunlich schnell!“, der Averling blickte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf den Fahnenmast auf dem Dach des Norgatener Herrenhauses. Gerade war die weiße Flagge mit dem Eichenblatt eingeholt und eine neue, ebenfalls weiße mit blauem Ankar gehisst worden. Jute von Stumpenhagen, seit wenigen Tagen Baron des Ortes und Umlandes, schaute dem Ritual ebenfalls mit einer Mischung aus Unglauben und ungemeinem Stolz zu. „Die Schneider scheinen sich beeilt zu haben!“ Der Erzdruide streckte dem Oberkonstabler die Hand entgegen, die dieser nahm und kräftig schüttelte. „Ihr habt es Euch redlich verdient, Baron!“ Jute schoss Blut in den Kopf. Er […]

Am Hjalesund (2)

Vor ungefähr zehn Minuten hatte die Kutsche die erst kürzlich gepflasterte Reichsstraße von Meriabad nach Hjallerborg verlassen und rumpelte nun in einem heftigen Auf und Ab über einen mäßig ausgetretenen Waldpfad. Rüdiger hatte die Luke geöffnet und schaute sich suchend um. Doch außer Bäumen und Sträuchern war nichts zu sehen, was auf irgendeine Form von Zivilisation hindeutete. Geräuschvoll ließ er das Holz zurückschnellen und lehnte sich zurück, wurde aber sogleich von einem stechenden Schmerz im Rücken bestraft. Er war nicht mehr jung, das wusste er. Doch seit er Vater geworden war, noch weniger schlief als zuvor und manchmal stundenlang den […]